Off Season Report -Auf den Spuren der Lawnmowers

Herbst 2019, im Auto. Nur mit einem Foto, alten Geschichten und Mythen bewaffnet geht es die Triester Straße stadtauswärts den Wienerberg hinunter. Zwischen 1995 und den frühen 2000ern soll es hier im 23. Bezirk, genauer im sogenannten Überschwemmungsgebiet der Liesing, den ersten „Trainingsplatz“ des frisch gegründeten Vienna Lawnmowers Baseballclub gegeben haben. Diesen Ort, wo Spieler wie Didi Ackerl, Chris Neumann, Hadmar Lang und Michel Fleck mit zarten 21 Jahren erste Versuche unternommen haben die Kunst des Baseball zu erlernen – Babe Ruth hat sich vermutlich im Grab umgedreht oder noch viel mehr heftig rotiert. Zum Glück gab es noch Franta Rudl, der seinerzeit diesen unerfahrenen Haufen Neo-Sportler unter seine Fittiche nahm. Bei der Fahrt über die Brücke, welche den Altmannsdorfer Ast überbrückt kann man die Aura dieses speziellen Orts schon spüren oder so ähnlich. Links der Straße führt ein verwachsener, kleiner Abhang hinunter zu der großen Wiese, wo sich damals der Trainingsplatz befunden haben soll. Rechts ein paar Gemeindebauten mit dem typischen Charme der 60er Jahre, hellbraun und herbstlich depressiv erstrahlend und mittendrin ein kleinerer, noch älterer Bau mit zwei Lokalen. Das größere ist das Wirtshaus „zum Schoder Hof“, daneben weißt ein großes, sehr ausgebleichtes Schild noch auf das zweite, urigere Lokal hin: Willi´s Treff.

Sommer 1997, Willi´s Treff. Nach einer anstrengen Trainingseinheit treffen sich die Spieler, wie so oft nach dem Training, im inoffiziellen Vereinslokal gegenüber des Trainingsplatzes. Nach dem das Material im ebenso inoffiziellen Kellerabteil des Beisls, welches die Lawnmowers zu Verfügung gestellt bekommen haben, verstaut ist, wird bei ein zwei Bier noch heftig über Baseball philosophiert. Auch die ansässigen Stammgäste und halblustige Saufschädl´n werden hin und wieder in die Gespräche mit einbezogen, bzw. mitbeziehen sich ein und prahlen selbstbewusst von Touch Downs und dergleichen. Um keine Schlägerei anzuzetteln nicken die jungen Spieler freundlich und versinken fremdschämend mit dem Blicken im Glas.

Herbst 2019, Liesingbrücke. Das Auto ist geparkt und bei der Brücke nahe der Kreuzung Gutheil-Schoder-Gasse/Anton-Baumgartner-Straße findet sich ein „Eingang“ zum „Überschwemmungsgebiet“. Mehrere Wege gabeln sich. Einer führt hinunter zu der großen Wiese. Nebelschwaden ziehen über das Areal, es ist nass und kalt. Bei einer Parkbank stehen fünf ältere Damen beieinander und tratschen, alle mit derselben strengen Kurzhaarfrisur, im Erima Trainingsanzug gefärbt in den knalligsten Farben und allesamt mit „an Tschick in der Papp´n“ und einen kleinen Hund an der Leine. Kurz um, man hat das Gefühl diese Damen sind Zeugen einer längst vergangenen Zeit, die stehen vermutlich schon sehr lange an dieser Bank, die müssen bestimmt noch etwas über die Lawnmowers wissen. Sollte man sie fragen?*. Der Weg führt weiter um die große Wiese herum, welche mittlerweile zur Hälfte umrundet ist. Hier finden sich ein paar Beserlbäume.

Frühling 1998, Trainingsplatz. „Fir den Ball!!!“ hallt es in forschem, tschechischen Tonfall von den Mauern der Gemeindebauten auf die große Wiese zurück. Zahlreiche Männer und Frauen in blauen Shirts jagen kleinen weißen Bällen mit roten Nähten hinterher. Ein paar Damen in den 40ern ziehen mit ihren Hunden und in Trainingsanzügen vorbei, schenken dem Spektakel aber nicht weiter Beachtung. Zwischen ein paar Beserlbäumen ist ein Schlagnetz gespannt, wo Hadmar Lang gerade seinen Schwung analysiert. Es handelt sich um eine öffentliche Wiesenfläche und keine offizielle Sportstätte, trotzdem ist eindeutig ein Infield zu erkennen. Verständlich, wenn zwei bis drei Mal die Woche hier geworfen, gefangen und geschlagen (umgangssprachlich: gezonkt) wird und die aus Teppichen ausgeschnittenen Bases immer an derselben Stelle liegen. Statt rotem Sand ziert den Laufweg der Runner ein harter, mit einzelnen Unkrautranken bewachsener Erdboden, was nicht die beste Voraussetzung für einen gesunden Slide darstellt. Oliver Meingast z.B. hat sich hier brutal das Kreuzband zerfetzt, eine Aktion die kein Anblick für schwache Gemüter war. Klarer Fall von „Zonken bis der Notarzt kommt“. Das Outfield ist weit und unbegrenzt und hin und wieder steigt man bei der Flyballjagd auch mal ins Glück. Es sind nicht die besten Trainingsbedingungen, aber es sind Trainingsbedingungen.

Herbst 2019, ehemaliges Outfield. Hin und her, quer über das einstige Trainingsgelände. Unvorstellbar das hier vor 20 Jahren noch Ground Balls gerollt sind. Es ist alles voller knöchelhoher Unkrautranken, ein Ball würde hier sofort stecken bleiben. Auch laufen scheint auf diesem wilden Untergrund unvorstellbar. Die Schuhe sind mittlerweile durchnässt und die Kälte fährt durch den ganzen Körper. Die Suche nach Überresten des Platzes verläuft ergebnislos. Ebenso wie die Suche nach dem angeblichen Versuch einen Mount aufzuschütten. Man kann nur Anhand der Fotos und Geschichten erahnen, wo sich hier etwas abgespielt hat. Dennoch hat man alles zum Greifen nahe vor den Augen. Das Schlagnetz, den Baum wo die Taschen immer gelegen sind, ein weiter Schlag ins schier endlose Feld hinaus, Hunde die das Infield queren und ein Haufen Lawnmowers die Schmeh führen, aber es ist halt nichts mehr da außer die Erinnerung und eventuell irgendwo in einem zwielichtigen Kellerabteil eines noch zwielichteren Beisls ein alter Handschuh, welcher seit über 20 Jahren dahinfault.

*Nachtrag: Wie es gelaufen wäre, wenn man die Hundebesitzerinnen bei der Parkbank um Auskunft gebeten hätte: „Verzeihung die Damen, wissen Sie vielleicht etwas über den legendären Baseballplatz, welcher hier vor ca. 20 Jahren existierte?“ „Wos wü dea Wappler?“, keppelt die Frau im gelb-rosa Outfit über die Schulter und schenkt uns keine weitere Beachtung. „Obs da an Platz für die Besen gibt?“, wirft der rot-türkise Trainingsanzug ein, „Sie müssen da nicht zam kehren, das Laub sammeln eh die Magistratsgärtnerhappln ein“. „Nein!“, mit einem Versuch der Klarstellung, „ob sie die Vienna Lawnmowers kennen, den Baseballverein welcher hier in den späten 90er Jahren seine Geburtsstunde hatte und die ersten Schritte gemacht hat?“. „Verein?…Phu…naja, am Abend tun da manchmal die Syrer und Afghanen kicken, aber Verein?“. Letzter Versuch, Spielernamen der allerersten Riege, die Aufzählung einer Mowers-Legende nach der Anderen: „Fleck…Ackerl…Meingast…Laschalt…“, wir stoßen zunächst auf Ahnungslosigkeit, „Eichinger…Lang…Gottschalk…Neumann…?“ „Neupoldt!?“, schreit auf einmal die bis jetzt ruhigere Dame in grün-grau auf und bekommt just einen ganz schleimigen Raucher-Husten-Anfall. Als sie sich wieder sammelt fährt sie fort: „Der Neupoldt, das war der Bezirkschef, weißt eh, den kennt man, den mit da Postkasterlg´schicht, mit der Affäre da, weißt eh…“ „Sie meinen Briefkastenfirmen? Ein Steuerskandal?“ „Naaaa Blödsinn, nix Steuerskandal, in da Fett´n, weißt eh, hat er dem Nachbarn ins Postkasterl g´schissn und zwei Monate ausgefasst!“ (Anm. spätere Google-Recherchen finden nichts zu einen Bezirksvorsteher Neupoldt und dessen Strafdelikten). Nun gut dieses Rudel hat anscheinend keine Ahnung wer der Rudl ist….

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